E-Auto an Steckdose laden: Ist das gefährlich?

Du kommst abends am Ferienhaus an, der Akku steht bei 12 Prozent und die nächste Ladesäule ist irgendwo dort, wo auch der nächste vernünftige Supermarkt sein soll: ziemlich weit weg. In der Garage lockt dagegen eine normale Steckdose.
Kannst du dein E-Auto daran laden? Ja. Ist das grundsätzlich gefährlich? Eher nein. Für das regelmäßige Laden ist eine normale Schuko-Steckdose trotzdem die falsche Lösung.
Der Knackpunkt ist nicht das Elektroauto, sondern die Elektroinstallation. Beim Laden fließt über viele Stunden eine vergleichsweise hohe Leistung. Eine normale Haushaltssteckdose ist genau für diese wiederkehrende Dauerbelastung nicht konstruiert, wer föhnt sich schon zehn Stunden lang die Haare? Sind Kontakte, Steckdose oder Leitung gealtert oder schlecht installiert, können sie sich stark erwärmen. Im ungünstigsten Fall entsteht daraus ein Schmorbrand.
Als gelegentliche Verlegenheitslösung kann die Steckdose trotzdem funktionieren. Voraussetzung dafür ist, dass Dose und Leitung einen vertrauenerweckenden Eindruck machen und du ein dafür vorgesehenes Ladekabel verwendest. Wenn dort dagegen jeden Abend dein E-Auto hängt, sollte zeitnah eine professionell installierte Ladelösung übernehmen.
E-Auto an normaler Steckdose laden: Technisch geht das
Eine Haushaltssteckdose liefert 230 Volt Wechselspannung. Wird der Ladestrom auf die vom ADAC empfohlenen 10 Ampere begrenzt, ergeben sich rechnerisch rund 2,3 kW Ladeleistung.
Das klingt neben heutigen Schnellladern mit mehreren Hundert Kilowatt fast nach elektrischem Tröpfchenbewässern. Für viele Alltagssituationen ist es aber gar nicht so wenig.
Steht das Auto zehn Stunden an der Steckdose, können theoretisch rund 23 kWh aus dem Netz fließen. Abzüglich der Verluste kommt davon zwar weniger im Akku an, für viele Alltagsstrecken ist das aber trotzdem eine spürbare Menge. Das Komfortproblem ist also nicht in erster Linie die Möglichkeit, es ist die Ladedauer.
Eine normale Schuko-Steckdose darf zwar mit bis zu 16 Ampere abgesichert sein. Das bedeutet aber nicht, dass sie dafür gedacht ist, Nacht für Nacht viele Stunden nahe ihrer Belastungsgrenze zu arbeiten. Der ADAC empfiehlt beim Laden eines Elektroautos deshalb höchstens 10 Ampere und bezeichnet die Haushaltssteckdose ausdrücklich als Notlösung.
Der technische Leitfaden von VDE, VDA, ZVEH und weiteren beteiligten Verbänden wird noch deutlicher: Schutzkontaktsteckdosen seien nur für begrenzte Zeiträume mit ihrem maximalen Bemessungsstrom belastbar und deshalb nicht für das dauerhafte Laden von Elektroautos geeignet.
Warum eine alte Steckdose plötzlich heiß werden kann
Elektrischer Widerstand erzeugt Wärme. Das ist erst einmal normale Physik. Problematisch wird es, wenn Übergangswiderstände entstehen. Das kann beispielsweise an gealterten Steckkontakten, schlecht sitzenden Klemmstellen oder einer unsauberen Installation passieren. Dann erwärmt sich nicht zwingend die gesamte Leitung gleichmäßig. Stattdessen kann lokal ein sogenannter Hotspot entstehen.
Genau davor warnt der VDE-Leitfaden. Beim mehrstündigen Laden können Alterungsprozesse der Kontakte, Probleme an Klemmstellen oder eine unsachgemäße Installation zu erhöhtem Widerstand führen. Die daraus entstehende unzulässige Erwärmung erhöht die Brandgefahr massiv.
Das Gemeine daran: Die Sicherung muss deshalb nicht zwangsläufig auslösen. Sie schützt vor zu hohem Strom. Ein schlechter Kontakt kann sich aber bereits bei einem Strom erwärmen, der für die Sicherung völlig unspektakulär aussieht.
Eine äußerlich hübsche Steckdose sagt darüber übrigens erstaunlich wenig aus. Weiße Kunststoffabdeckung, frisch gewischter Garagenboden und Geranien vor dem Fenster sind leider noch kein Prüfprotokoll für die Leitung dahinter. Ihr Alter ist da schon eher relevant. Frage im Zweifelsfall also auch im Ferienhaus den Vermieter vorab, ob die Installation für solche Belastungen geeignet ist.
Wann Laden an der Steckdose okay ist und wann nicht
Es gibt einen Unterschied zwischen „Ich muss heute einmal laden“ und „Das ist ab jetzt meine tägliche Ladestation“. Gelegentlich an einer bekannten, ordentlich installierten Steckdose laden: Das kann eine vertretbare Lösung sein. Begrenze den Ladestrom und kontrolliere beim ersten längeren Ladevorgang auch, ob Stecker oder Steckdose auffällig warm werden.
Jede Nacht an derselben Schuko-Dose zu laden, dafür ist die Haushaltssteckdose nicht gedacht. Wenn das Laden zu Hause zum Alltag gehört, sollte eine Elektrofachkraft die Installation prüfen und eine geeignete Ladelösung einrichten.
Eine unbekannte Steckdose im Altbau mahnt aber immer zur Vorsicht. Gerade bei älteren Installationen weißt du ohne Prüfung nicht, welchen Zustand Leitung, Kontakte und Klemmstellen haben.
Verlängerungskabel oder Mehrfachsteckdose sind keine gute Idee. Jede zusätzliche Steckverbindung schafft einen weiteren möglichen Übergangswiderstand. Das Notladekabel gehört möglichst direkt an eine geeignete Steckdose.
Bei einer Außensteckdose kommen Feuchtigkeit und Witterung hinzu. Dose, Installation und verwendetes Ladekabel müssen für den Einsatz geeignet sein.
Eine Steckdose, die bereits locker sitzt, Verfärbungen zeigt, verschmort riecht oder beim Laden ungewöhnlich warm wird, hat sich für weitere Experimente ohnehin disqualifiziert. Hier gilt: Stecker raus und Fachmann fragen.
Mode-2-Notladekabel fürs E-Auto
Für das Laden an der Haushaltssteckdose brauchst du ein geeignetes Mode-2-Ladekabel. Umgangssprachlich ist oft vom Notladekabel die Rede. Die kleine Box im Kabel ist keine besonders sperrige Designidee des Herstellers. Sie übernimmt Kommunikations- und Schutzfunktionen zwischen Steckdose und Auto.
Der ADAC empfiehlt Mode-2-Kabel mit Temperatursensor. Erkennt das System eine Überhitzung an der Steckdose, kann es den Ladestrom reduzieren oder den Ladevorgang stoppen. Das verbessert die Sicherheit erheblich, verwandelt eine alte Steckdose aber nicht auf magische Weise in eine Wallbox.
Das Kabel kann auf Probleme reagieren, die es erkennt. Den Zustand deiner Hausinstallation kann es nicht begutachten. Wenn du regelmäßig über eine vorhandene Steckdose laden möchtest, empfiehlt auch der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft deshalb eine Prüfung durch eine Elektrofachkraft.
Über Nacht laden ist nicht automatisch gefährlich
Die Vorstellung ist unangenehm: Draußen lädt das Auto, drinnen schläfst du und irgendwo hinter einer Steckdose beginnt ein Kabel vor sich hin zu schmoren. Deshalb ist aber nicht jedes nächtliche Laden an einer Steckdose riskant.
Entscheidend bleibt der Zustand der Installation. Eine geprüfte und geeignete Steckdose mit begrenztem Ladestrom und einem vernünftigen Mode-2-Kabel ist etwas völlig anderes als eine 40 Jahre alte Garagensteckdose, an der vorher höchstens zweimal im Jahr der Staubsauger hing.
Der GDV empfiehlt ausdrücklich, das Stromnetz vor dem Laden eines Elektroautos von einem Elektroinstallateur prüfen zu lassen. Normale Schutzkontaktsteckdosen seien zwar grundsätzlich nutzbar, aber nicht für hohe Dauerbelastung ausgelegt.
Wenn du eine Steckdose deshalb regelmäßig zum Laden verwenden möchtest, sollte aus Vermutung irgendwann Gewissheit werden. Ein Elektriker kann prüfen, ob Leitung, Absicherung, Schutzschalter und Steckdose für diese Nutzung geeignet sind.
Für regelmäßiges Laden gehört eine vernünftige Lösung her
Einmal beim Ferienhaus, bei Freunden oder als Übergang nach dem Fahrzeugkauf an Schuko zu laden, ist etwas anderes als 300 Nächte im Jahr. Für regelmäßiges Laden zu Hause würde ich die Haushaltssteckdose nicht einplanen.
Eine fest installierte Wallbox ist für diese Dauerbelastung konstruiert und bietet die erforderlichen Schutzfunktionen. Wie das Laden zu Hause grundsätzlich funktioniert, erklären wir ausführlicher unter Laden zuhause im Überblick: Wallbox, Steckdose und Ladeverluste.
Wenn eine feste Installation nicht möglich oder sinnvoll ist, kann je nach vorhandener Anschlussmöglichkeit auch eine mobile Lösung interessant sein. Mehr dazu findest du unter Mobile Wallbox: Für wen sie sich lohnt und für wen nicht.
Und bevor du anhand irgendeiner Internetpauschale entscheidest, dass eine Wallbox unbezahlbar ist: Installation und Aufwand unterscheiden sich stark. Einen Überblick gibt unser Ratgeber Was eine Wallbox mit Installation wirklich kostet.
Die Haushaltssteckdose bleibt damit das, was der Begriff „Notladekabel“ bereits ziemlich treffend andeutet: eine praktische Reserve. Wenn du regelmäßig zu Hause lädst, sollte aus der Notlösung keine Dauerlösung werden. Und wenn deine Ladesituation langfristig überhaupt nicht zum E-Auto passt und deshalb ohnehin ein Wechsel ansteht, kannst du bei Aampere in 48h prüfen, was dein E-Auto am Markt bringt.
Quellen
ADAC: Elektroauto laden: Voraussetzungen zu Hause und unterwegs, Der ADAC nennt die Haushaltssteckdose eine Notlösung, empfiehlt maximal 10 Ampere und warnt vor Erwärmung bis hin zum Brand bei ungeeigneten Installationen.
ADAC: Steckertypen und Ladekabel: Was passt für dein Elektroauto?, Erläutert Mode-2-Ladekabel, Temperatursensoren und die Empfehlung, Schuko nur ausnahmsweise zu nutzen.
VDE: Technischer Leitfaden Ladeinfrastruktur Elektromobilität. Beschreibt die mögliche Bildung von Hotspots durch erhöhte Übergangswiderstände und die daraus resultierende Brandgefahr beim mehrstündigen Laden.
GDV: Versicherer warnen: E-Autos nur in Ausnahmefällen an normalen Steckdosen laden. Empfiehlt die Prüfung von Steckdose und Elektroinstallation durch eine Elektrofachkraft und für den regelmäßigen Betrieb eine fest installierte Ladeeinrichtung.
Mennekes: Betriebsanleitung Mode-2-Ladekabel. Dokumentiert die Temperaturüberwachung und die Reduzierung beziehungsweise Abschaltung des Ladestroms bei zu hoher Temperatur.


